Tragisch — Diese Personen hatten Pech
Kurt Landauer, verfolgt von den Nazis. Gerd Müller, zerstört von Alkohol und Alzheimer. Der Flugzeugabsturz von Uli Hoeneß. Sebastian Deisler, das depressive Supertalent.
Verfolgt, vergessen, unterschätzt
Manche wurden vom System zermalmt, andere vom Verein vergessen. Ihre Geschichten verdienen es, erzählt zu werden.
Kurt Landauer — Der Verfolgte
Er führte den FC Bayern zur ersten Meisterschaft 1932 — und wurde als Jude von den Nazis verfolgt.
Kurt Landauer ist zwischen 1913 und 1951 viermal an der Spitze des FC Bayern. Am 22. März 1933, kurz nach der Machtergreifung, legt er sein Amt als Präsident nieder. Im April 1933 verliert er seinen Job, 1935 findet er eine Stelle in einem Wäschegeschäft.
Ende 1937 verkauft er mit seinem Bruder den Stammsitz in der Kaufingerstraße 28 an Woolworth.
Am 10.11.1938 wird er für vier Wochen ins KZ Dachau eingesperrt. Im Mai 1939 flüchtet er in die Schweiz — vier seiner Geschwister werden von den Nazis ermordet.
Als die Mannschaft 1940 ein Spiel in Zürich bestreitet, entdeckt sie ihren Ex-Präsidenten auf der Tribüne und begrüßt ihn herzlich — trotz des ausdrücklichen Kontaktverbots durch die Gestapo.
Im Juni 1947 kehrt Landauer zurück und wird wieder Präsident, ehe er 1951 durch ein Komplott abgewählt wird und sich verbittert zurückzieht. Er stirbt 1961. Die Schickeria richtet jährlich ein Kurt-Landauer-Turnier aus und gründet eine Stiftung gegen Rassismus und Ausgrenzung.
- Präsident
- 1913–1933, 1947–1951
- Erste Meisterschaft
- 1932
- Dachau
- 10. Nov. – Dez. 1938
- Ermordete Geschwister
- 4
Norbert Eder — Der Unterschätzte
132 Ligaspiele, vier Titel, Vizeweltmeister 1986 — und weitgehend vergessen.
Norbert Eder spielt von 1984 bis 1988 für den FC Bayern. Mitglied im Mannschaftsrat, 1985 und 1986 der Spieler mit den meisten Einsätzen. Dreimal Meister, einmal Pokalsieger. 28 Europapokalspiele. 1986 Vizeweltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft. Eder stirbt im November 2019 nach langer Krankheit mit knapp 64 Jahren.
- Beim FCB
- 1984–1988, 132 Ligaspiele
- Titel
- 3× Meister, 1× Pokalsieger
- WM 1986
- Vizeweltmeister
Breno — Der Einsame
2007 bester brasilianischer Nachwuchsverteidiger — 2012 zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.
Breno spielt von 2008 bis 2012 beim FC Bayern, kommt aber kaum zum Einsatz. Zur Saison 2010/11 kehrt er von einer Leihe beim 1. FC Nürnberg zurück, wo er sich einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Er spielt wieder nur die zweite Geige und wirkt zunehmend deprimierter.
In der Nacht zum 20. September 2011 brennt seine gemietete Villa in Grünwald komplett aus.
Der Spieler ist allein zu Hause. Wegen schwerer Brandstiftung wird er am 24. September in Untersuchungshaft genommen. Am 4. Juli 2012 wird er zu drei Jahren und neun Monaten verurteilt.
Die Haftstrafe wird nach zwei Dritteln am 20. Dezember 2014 zur Bewährung ausgesetzt.
Er kehrt nach Brasilien zurück — und schafft ein veritables Comeback.
- Beim FCB
- 2008–2012
- Urteil
- 3 Jahre, 9 Monate (Brandstiftung)
- Entlassung
- Dezember 2014
Zerbrochen am Ruhm
Der Ruhm kam schnell, der Fall kam schneller. Gerd Müller, Uli Hoeneß, Sebastian Deisler — drei Schicksale, die zeigen, was der Profifußball mit Menschen macht.
Gerd Müller — Der Suff und Alzheimer
365 Bundesliga-Tore — ewiger Rekord. Dann Alkohol, Ruin und Alzheimer.
Der Bomber der Nation — oder kleines dickes Müller, wie Trainer Čajkovski ihn nennt. Der Mann, ohne dessen Wirken wir uns immer noch im Holzhäusl umziehen würden (Beckenbauer). Nicht der Größte, nicht der Schnellste, kein Dribbler — aber für eine Dekade der beste Mittelstürmer der Welt.
398 Tore in 453 Ligaspielen, 365 in der Bundesliga, 68 Länderspieltore in 62 Spielen (Schnitt: 1,06).
WM-Torschützenkönig mit 14 Toren. Des hast oder hast net. Des kannst net lernen.
Nach der Karriere verschlägt es ihn nach Florida.
Dort beginnt die fatale Episode mit dem Alkohol. Mit Frau Uschi führt er ein Steakhouse, stößt mit jedem an, der mit dem berühmten Bomber anstoßen möchte. So wächst die Sucht.
Im September 1991 werden die Probleme öffentlich: angetrunken beim Bayern-Training, Scheidung, Steuerfahnder pfänden Wohnungen.
Der Held einer Generation nur noch eine Witzfigur.
Bayern reichen ihm die Hand. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Du bist oben, schwebst im Himmel.
Und fällst und fällst. Plötzlich bist du in der Hölle. Seine Freunde: der Uli, der Franz und der Kalle.
Sie überreden ihn zur Entziehungskur. Seit 1992 wieder bei den Roten angestellt — Jugendtrainer, Talentsucher, Co-Trainer.
Doch dann schlägt die Alzheimer-Erkrankung zu. Von 2015 bis zu seinem Tod lebt er in einem Pflegeheim.
Der letzte Abschnitt im Leben des Bombers der Nation.
- Bundesliga-Tore
- 365 (ewiger Rekord)
- Länderspiel-Tore
- 68 in 62 Spielen
- WM-Tore
- 14 (Rekord bis 2014)
- Beim FCB seit
- Wieder angestellt 1992
Die Mitflieger von Uli Hoeneß
Die richtigste und wichtigste Entscheidung trifft Uli Hoeneß am 17. Februar 1982 — sie rettet sein Leben.
Hoeneß und sein Freund, Verleger Helmut Simmler, wollen sich das Länderspiel Deutschland gegen Portugal in Hannover ansehen. Die Privatmaschine startet um 18:19 Uhr in München. Kurz vor Nürnberg schläft Hoeneß ein — er hat sich den Platz hinten rechts gewählt.
Der einzige Platz mit Überlebenschance.
Um 19:45 Uhr meldet der Pilot technische Probleme. Gegen 20:05 Uhr verschwindet das Flugzeug vom Radarschirm. Pilot, Co-Pilot und Simmler sterben beim Absturz.
Hoeneß wird aus der Maschine geschleudert und ca. 90 Minuten später von einem Jäger gefunden.
Beim Versuch, ihn ins Krankenhaus zu fahren, springt der Geländewagen nicht an. Der Jäger deckt Hoeneß mit einer Decke zu und sucht Hilfe.
Uli Hoeneß wird ins Krankenhaus gebracht und überlebt. Pilot Wolfgang Junginger, Co-Pilot Thomas Kupfer (25) und Helmut Simmler sterben.
- Datum
- 17. Februar 1982
- Überlebende
- Hoeneß (einziger)
- Tote
- Pilot, Co-Pilot, Helmut Simmler
Sebastian Deisler — Das depressive Supertalent
Talent des Jahrhunderts — für 18 Millionen Euro verpflichtet, mit 27 zurückgetreten, zerstört von Verletzungen und Depressionen.
Schon Nationalspieler, verpflichten die Bayern ihn 2002. Seine Verletzungsanfälligkeit wird sein Fluch: zwei Kreuzbandrisse vor dem Debüt, dann Muskelfaserrisse und Knorpelabsprengungen. Die Probleme führen zu psychischen Problemen, Deisler begibt sich 2003 und 2004 in Behandlung.
Mit Felix Magath bekommt er einen Trainer, der auf seine Befindlichkeiten wenig Rücksicht nimmt. Im Team wird er gemobbt.
Nach nur 62 Bundesligaspielen in viereinhalb Jahren zieht er im Januar 2007 den Schlussstrich.
Die Szene in Dubai: In der Nacht vom 7. auf den 8. Januar wird Hoeneß aus dem Bett geklopft. Vor seinem Hotelzimmer steht Sebastian Deisler. Noch im Bademantel erfährt Hoeneß, dass Deisler seine Karriere beenden will.
Sie reden die Nacht durch. Der Manager kämpft wie ein Löwe. Vergebens.
Deisler bei der Pressekonferenz: Klar kann ich noch so ein bisschen mitspielen, aber mit der richtigen Freiheit ist es vorbei.
Ich habe kein Vertrauen mehr in mein Knie. Ich bin glücklich mit meiner Entscheidung.
Deisler ist das Paradebeispiel eines Spielers, den der Profifußball fertig gemacht hat.
- Ablöse
- ~18 Mio. EUR
- Bundesliga-Spiele
- 62 in 4,5 Jahren
- Rücktritt
- Januar 2007, mit 27