Special Moments — Der schwäbische Sportinvalide
Am 1. Mai 1979 wird ein 27-jähriger Ex-Stürmer mit kaputtem Knie zum Manager des FC Bayern ernannt. Es ist der Beginn der größten Erfolgsgeschichte im deutschen Vereinsfußball.
1. Mai 1979
Ein graues Sakko, ein Notizbuch und eine Tür, hinter der die ungewisse Zukunft wartet.
Der erste Tag
In einem grauen Sakko steht er da. Das Notizbuch lässig unter den Arm geklemmt, 27 Jahre jung, unternehmungslustig und hoch motiviert.
Es ist der 1. Mai 1979 und die Straßen sind wie leergefegt in diesem historischen Moment, von dem keiner weiß, dass es einer ist. Die meisten Leute sitzen bei einem späten Frühstück und genießen den Tag der Arbeit. Nicht so Uli Hoeneß.
Der steht vor der Eingangstür der Geschäftsstelle des FC Bayern München und weiß nicht so recht, ob er hineingehen soll oder nicht.
Als hätte eine unsichtbare Macht seine Gedanken gehört, öffnet sich plötzlich die Tür. Uli! Komm rein, komm rein!
Paul Breitner steht lachend im Türrahmen und winkt den alten Weggefährten in die heiligen Hallen.
Sie haben mich gestern schon wieder gefragt, ob ich nicht denke, dass du zu jung für den Job bist, Breitner schielt schelmisch zu seinem Mannschaftskameraden. Das ist keine Frage des Alters, sondern eine Sache der Leistung, des Engagements, der Ideen. Ich kann doch ein solches Angebot nicht ablehnen, weil ich 27 bin, erwidert Hoeneß genervt.
Mit 35 könnte es vielleicht zu spät sein.
Der Schreibtisch, das Telefon, zwölf Millionen
Ein Schreibtisch, ein Sideboard, ein Telefon. Protzig ist anders.
Im ersten Stock angekommen, bleiben die Buddys vor der Tür stehen. Wir müssen das Schild austauschen, stellt Breitner fest. Nach dir, bitte!
Ist ja schließlich deins.
Uli Hoeneß öffnet erstmals die Tür zu seinem neuen Büro und nimmt hinter dem Schreibtisch Platz. Ein Pressefotograf darf nicht fehlen — PR-Profi Hoeneß weiß das. Auf dem Tisch liegen noch Unterlagen seines Vorgängers.
Finanzpläne und Bilanzen.
Zwölf Millionen Mark Umsatz? Nicht gerade viel, murmelt er und greift zum Telefonhörer. Nach nur zwei Stunden verlässt er sein Büro.
Viel kann er heute nicht ausrichten, an diesem Feiertag ist kaum einer im Büro. Aber es kommen noch andere Tage. Viele Tage, die Gelegenheit bieten, Geschichte zu schreiben.
Die Spielerrevolution
Wenige Wochen zuvor haben ein paar Spieler einen ganzen Klub übernommen.
Die Revolte gegen Max Merkel
Zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Fußballs hatten ein paar Spieler einen ganzen Klub übernommen.
Auf der Rückreise von einem 0:0 in Braunschweig schließen sich die Spieler auf Kommando von Breitner und Torwart Sepp Maier zusammen, als sie erfahren, dass Max Merkel für Gyula Lorant als neuer Trainer kommen soll — entgegen der Abmachung mit dem Präsidenten.
Sie lehnen die Verpflichtung des Trainerdiktators demokratisch ab, mit 16:0 Stimmen. Käme er, wollten sie am Montagmorgen das erste Training unter Merkel verweigern. Ihre Sturheit siegt.
Merkel wird nie kommen.
Aus Fassungslosigkeit über so viel Renitenz tritt Präsident Wilhelm Neudecker am Montag darauf zurück. Mit einem solchen Kapitän und dieser Mannschaft kann ich nicht weiter zusammenarbeiten, hat er am 19. März 1979 erklärt. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute.
Auf Wiedersehen.
Die Republik macht Kapitän Sepp Maier verantwortlich, obwohl die komplette Mannschaft hinter dem Putsch steht. Gerade noch freut man sich darüber, die rebellische Jugend von den Straßen vertrieben zu haben — da rütteln hoch bezahlte Fußballer an den Grundfesten des Geschäfts.
Der Architekt seines eigenen Glücks
Hoeneß hat mit dem Sturz der Führungsetage nur indirekt zu tun — aber er hat die Bedingungen geschaffen.
Während er an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen ist, handelt Hoeneß einen Sponsorenvertrag mit Traktorenhersteller Magirus-Deutz aus seiner Heimatstadt Ulm aus. Die Gelder dürfen ausschließlich für eine Sache verwendet werden: Den Rückkauf von Paul Breitner von Eintracht Braunschweig.
Hoeneß hat somit den Revoluzzer zurück nach München geholt und indirekt einen Umbruch angestoßen, von dem er am Ende am meisten profitieren wird. Breitner übernimmt das sportliche Kommando unter Neu-Trainer Pal Csernai.
Und Uli — wozu ihn sein kaputtes Knie zwingt — wird unmittelbar nach dem Karriereende Manager.
Das Vermächtnis
Von zwölf Millionen auf Dreiviertel Milliarde.
Die Zahlen
Er steigert den Umsatz von 6 Millionen Euro auf 750,4 Millionen im Geschäftsjahr 2018/19.
Allein der Vorsteuergewinn wird bei seinem Abschied mehr als 15 Mal so hoch sein als der Jahresumsatz, den er bei Amtsantritt vorfindet. Am 15. November 2019 tritt er als Präsident des FC Bayern München ab.
Die Demission von Wilhelm Neudecker und der Amtsantritt von Uli Hoeneß beim FC Bayern München sind zwei ganz spezielle Momente in der Geschichte des erfolgreichsten deutschen Fußballklubs.
- Umsatz 1979
- ~6 Mio. EUR (12 Mio. DM)
- Umsatz 2018/19
- 750,4 Mio. EUR
- Wachstumsfaktor
- 125×
- Amtszeit
- 1979–2019 (40 Jahre)