Kapitel 11

Special Moments

Die Verpflichtung des schwäbischen Sportinvaliden

Akte Bayern — Special Moments
Akte Bayern · FC Bayern München

Special Moments

Die Verpflichtung des schwäbischen Sportinvaliden

In einem grauen Sakko steht er da. Das Notizbuch lässig unter den Arm geklemmt, 27 Jahre jung, unternehmungslustig und hoch motiviert. Von Nervosität keine Spur, als er den Blick kurz nach oben richtet und über die Gebäude der Säbener Straße 51 wandern lässt. Zu gut kennt er all das hier. Zu oft ist er als Spieler über den Trainingsplatz gesprintet und durch die Flure gegangen, auf dem Weg zum Fitnessraum. Doch heute fühlt sich alles ein bisschen anders an für den Schwaben aus Ulm mit den großen Ambitionen.

Es ist der 1. Mai 1979 und die Straßen sind wie leergefegt in diesem historischen Moment, von dem keiner weiß, dass es einer ist. Die meisten Leute sitzen bei einem späten Frühstück und genießen den „Tag der Arbeit“. Nicht so Uli Hoeneß. Der steht vor der Eingangstür der Geschäftsstelle des FC Bayern München und weiß nicht so recht, ob er hineingehen soll oder nicht. Als hätte eine unsichtbare Macht seine Gedanken gehört, öffnet sich plötzlich die Tür.

„Uli! Komm rein, komm rein!“ Paul Breitner steht lachend im Türrahmen und winkt den alten Weggefährten in die heiligen Hallen. Dieser fragt sich noch nicht einmal, warum Breitner an diesem sonnigen Feiertag überhaupt in der Geschäftsstelle anzutreffen ist. Fußballprofi durch und durch, lässt dieser bekanntlich keine Trainingsmöglichkeit aus.

„Sie haben mich gestern schon wieder gefragt, ob ich nicht denke, dass du zu jung für den Job bist“, Breitner schielt schelmisch zu seinem ehemaligen Mannschaftskameraden und kann sich auf dem Weg zu Hoeneß' neuem Büro ein Grinsen nicht verkneifen. „Das ist keine Frage des Alters, sondern eine Sache der Leistung, des Engagements, der Ideen. Ich kann doch ein solches Angebot nicht ablehnen, weil ich 27 bin“, erwidert Hoeneß genervt. Zu oft, hat er diese Frage in den letzten Wochen beantworten müssen. „Mit 35 könnte es vielleicht zu spät sein.“

Wenige Wochen zuvor haben eben diese beiden Männer mit einer Spielerrevolution die Bundesliga erschüttert. Der eine mehr, der andere weniger. „Zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Fußballs hatten ein paar Spieler einen ganzen Klub übernommen“, analysiert 2006 der Autor des Buches „Gute Freunde“, Thomas Hüetlin, die Ereignisse im Frühjahr '79. Auf der Rückreise von einem 0:0 in Braunschweig schließen sich die Spieler auf Kommando von Breitner und Torwart Sepp Maier zusammen, als sie erfahren, dass Max Merkel für Gyula Lorant als neuer Trainer kommen soll – entgegen der Abmachung mit dem Präsidenten.

Sie lehnen die Verpflichtung des Trainerdiktators demokratisch, mit 16:0 Stimmen, ab. Käme er, wollten sie am Montagmorgen aus Protest das erste Training unter Merkel verweigern. Ihre Sturheit siegt und Merkel wird nie kommen. Aus Fassungslosigkeit über so viel Renitenz tritt Präsident Wilhelm Neudecker am Montag darauf zurück.

Eine meuternde Mannschaft, die ihren Präsidenten zum Rücktritt treibt? Unglaublich. „Mit einem solchen Kapitän und dieser Mannschaft kann ich nicht weiter zusammenarbeiten“, hat er am 19. März 1979 gegenüber der Mannschaft erklärt, „ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute. Auf Wiedersehen.“ Die Republik macht Kapitän Sepp Maier verantwortlich, obwohl tatsächlich die komplette Mannschaft hinter dem Putsch steht. Gerade noch freut man sich darüber, die rebellische Jugend weitgehend von den Straßen vertrieben zu haben, da rütteln hoch bezahlte Fußballer an den Grundfesten des Geschäfts. Der Arbeitgeber bestimmt über Entlassungen und Neueinstellungen, die Arbeitnehmer dürfen sich ob der Entscheidungen freuen oder ärgern. Eine Art Betriebsrat mit paritätischen Mitbestimmungsrechten bei der Besetzung der leitenden Angestellten eines Fußballklubs gibt es nicht, ein Streikrecht der Arbeitnehmer bei der Besetzung von Trainer- oder Managerposten schon gar nicht.

Uli Hoeneß hat mit dem Sturz der Führungsetage nur indirekt zu tun, da er zur Zeit des Umbruchs an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen ist. Dennoch, Hoeneß handelt noch im Vorjahr einen Sponsorenvertrag zwischen Bayern München und Traktorenhersteller Magirus-Deutz aus seiner Heimatstadt Ulm aus. Die Gelder, so die Bedingung, dürfen ausschließlich für eine Sache verwendet werden: Den Rückkauf seines Freundes und alten Weggefährten Paul Breitner von Eintracht Braunschweig. Hoeneß hat somit den „Revoluzzer“ zurück nach München geholt und indirekt einen Umbruch angestoßen, von dem er am Ende am meisten profitieren wird. Breitner übernimmt das sportliche Kommando unter Neu-Trainer Pal Csernai und Uli wird unmittelbar nach seinem Karriereende als Profi, wozu ihn sein kaputtes Knie zwingt, Manager.

Hans-Georg Schwarzenbeck Europacup Finale 1974 Atletico Madrid
Hans-Georg Schwarzenbeck im Finale des Europacups der Landesmeister 1974 gegen Atletico Madrid. Foto: Imago Images/WEREK

Im ersten Stock angekommen, bleiben die Buddys vor der Tür stehen, hinter der symbolisch die ungewisse Zukunft wartet. „Wir müssen das Schild austauschen“, stellt Paul Breitner fest. „Nach dir, bitte! Ist ja schließlich deins.“ Uli Hoeneß öffnet erstmals die Tür zu seinem neuen Büro. Ein Schreibtisch, ein Sideboard, ein Telefon. Protzig ist anders. Als sich Breitner verabschiedet, nimmt der neue Manager des FC Bayern das erste Mal hinter seinem Schreibtisch Platz und lächelt in die Kamera. Ein Pressefotograf darf nicht fehlen in diesem bedeutsamen Moment der Vereinsgeschichte, PR-Profi Hoeneß weiß das. Auf dem Tisch liegen noch ein paar Unterlagen seines Vorgängers. Finanzpläne und Bilanzen. Uli stöbert interessiert und entdeckt die Gewinnermittlung des Vorjahres.

„Zwölf Millionen Mark Umsatz? Nicht gerade viel“, murmelt er sich zu und greift zum Telefonhörer. Nach nur zwei Stunden verlässt er sein Büro an der Säbener Straße und geht, Notizbuch unter dem Arm, die Treppen hinab. Viel kann er heute nicht ausrichten, an diesem Feiertag ist kaum einer im Büro. Aber es kommen noch andere Tage. Viele Tage, die Gelegenheit bieten, Geschichte zu schreiben. Und er nutzt sie bis zum 15. November 2019, als er als Präsident des FC Bayern München abtritt.

Den Umsatz steigert er: Von 6.0 Mio. Euro auf 750,4 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2018/19. Allein der Vorsteuergewinn wird bei seinem Abschied mehr als 15-mal so hoch sein als der Jahresumsatz, den er bei Amtsantritt vorfindet. Die Demission von Wilhelm Neudecker und der Amtsantritt von Uli Hoeneß beim FC Bayern München sind zwei ganz spezielle Momente in der Geschichte des erfolgreichsten deutschen Fußballklubs.

Häufige Fragen

Wie alt war Uli Hoeneß, als er Manager wurde?

Uli Hoeneß wurde am 1. Mai 1979 im Alter von 27 Jahren Manager des FC Bayern München. Bei Amtsantritt betrug der Jahresumsatz 12 Millionen Mark.

Alle Kapitel:
Kap. 01: Prolog Kap. 02: Steckbrief Kap. 03: Good to Know Kap. 04: Für die Hater Kap. 05: Für die Lover Kap. 06: Schlüsselfiguren Kap. 07: Personae Non Gratae Kap. 08: Tragisch Kap. 09: OMG — Oh My God Kap. 10: Fun Facts Kap. 11: Special Moments Kap. 12: Weise Worte
← Kapitel 10: Fun Facts Kapitel 12: Weise Worte →
Akte Bundesliga Netzwerk
Akte BVB Akte Gladbach Akte Bayer Akte Schalke Akte Eintracht → Alle 22 Vereine