Kapitel 09

OMG — Oh My God

Das kann doch nicht wahr sein

Akte Bayern — OMG — Oh My God
Akte Bayern · FC Bayern München

OMG — Oh My God

Das kann doch nicht wahr sein

~60 Millionen Euro für Trainer verbrannt: Seit 2021 hat der FC Bayern mehr Geld für Trainer-Ablösen und -Abfindungen ausgegeben als mancher Bundesligist für seinen gesamten Kader. ~25 Millionen Euro Ablöse für Nagelsmann (plus Abfindung), Tuchel-Gehalt und -Abfindung, ~10,5 Millionen Euro Ablöse für Kompany. Die Zahl steht symbolisch für eine Ära der Instabilität auf der Trainerbank.

Kahn und Salihamidžić — Rauswurf am Meistertag: Am Tag, an dem Thomas Tuchel die Bayern noch zur Meisterschaft 2023 führt, werden Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidžić entlassen. Kahn erfährt von seiner Ablösung, während auf dem Rasen noch gefeiert wird. „FC Hollywood" in Reinkultur — der Titan, der einst die Bayern im Tor zum Triple geführt hat, wird wie ein Angestellter vor die Tür gesetzt.

Der Lewandowski-Rosenkrieg: Im Sommer 2022 erzwingt Robert Lewandowski seinen Abgang nach Barcelona. Wochen voller öffentlicher Schlammschlachten: „Meine Geschichte bei Bayern ist vorbei", sagt er. Die Bayern weigern sich zunächst, ihn ziehen zu lassen. Lewandowski schwänzt den Trainingsauftakt. Am Ende überweist Barcelona ~45 Millionen Euro — für einen Spieler, der gerade 41 Bundesliga-Tore geschossen hat.

Sadio Mané — 32 Millionen Euro Fehlinvestition: Der senegalesische Weltfußballer kommt im Sommer 2022 von Liverpool, soll Lewandowski ersetzen. Nach einer enttäuschenden Saison, in der er weder sportlich noch menschlich Fuß fasst, geht er nach nur einem Jahr zu Al-Nassr nach Saudi-Arabien — für geschätzte 20 Millionen Euro. Die Bayern verlieren ~12 Millionen Euro netto, dazu ein Jahr Kaderplanung.

Peinlichkeiten? Das gibt es bei anderen Klubs in der Bundesliga, aber doch nicht beim Vorzeigeverein FCB. Mumpitz!

Ein Vorbild an aktiver Resozialisierung. „Der FC Bayern ist ein Verbrecherklub“: Das sagen die Bayern-Hater. Aber es stimmt – wenn auch auf eine ganz andere Art. Denn der FC Bayern wird/wurde maßgeblich von vorbestraftem Personal geführt. Ein Vorbild an aktiver Resozialisierung also. „Cheffe“ Karl-Heinz Rummenigge akzeptiert im Jahr 2013 einen Strafbefehl wegen Zollvergehens und bezahlt eine Strafe von 250.000 Euro. Er hat zwei Luxusuhren aus Katar nicht verzollt. Ein Richter am Amtsgericht in Landshut verurteilt ihn zu 140 Tagessätzen. Laut FOCUS geht das Gericht davon aus, dass Rummenigge täglich 1.785 Euro zur freien Verfügung hat. Ex-Präsident Uli Hoeneß sitzt wegen Steuerhinterziehung 21 Monate im Gefängnis. Aber auch der Aufsichtsrat, mit dem der FC Bayern München in die Saison 2018/19 geht, ist nicht ganz „sauber“. Dieser besteht aus den folgenden neun Mitgliedern: Uli Hoeneß, Herbert Hainer, Prof. Rupert Stadler, Dr. Werner Zedelius, Timotheus Höttges, Prof. Dr. Dieter Mayer, Dr. Edmund Stoiber, Dr. Theodor Weimer und Prof. Dr. Martin Winterkorn. 33 % von ihnen hatten oder haben zu diesem Zeitpunkt Probleme mit dem Gesetz.

Sofern jemand zu mehr als 90 Tagessätzen oder mehr als drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wurde, gilt er nach dem deutschen Recht als vorbestraft. Das trifft auf Uli Hoeneß zu, den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der FC Bayern München AG. Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende zum Start der Saison 2018/19, Prof. Rupert Stadler, ist im Sommer 2018 in Untersuchungshaft wegen Verdunklungsgefahr und gegen das Aufsichtsratsmitglied Prof. Dr. Martin Winterkorn liegt im Rahmen der VW Dieselgate ein Haftbefehl aus den USA vor.

Angst vor Max Merkel – Das Ende von Gerd Müller und Wilhelm Neudecker: Im Jahr 1979 gibt es Dauerärger zwischen Trainer Pal Csernai und Superstar Gerd Müller. Start der Fehde soll eine Auswechselung Müllers im Spiel gegen Eintracht Frankfurt gewesen sein. Gerd Müller flüchtet in die USA. Csernai hat den Job überhaupt nur bekommen, weil sein ehemaliger Chef, Gyula Lorant, entlassen worden ist. Bayern-Präsident Neudecker will den ehemaligen 1860-Trainer Max Merkel verpflichten. Der gilt als Schleifer und davor haben die eher verwöhnten Bayern-Stars Muffe. Sie lehnen den Trainer Merkel ab und Neudecker tritt zurück. Stattdessen wird Pal Csernai, Cheftrainer. Die Ära Neudecker ist vorbei, die erste Spielerrevolte der Bundesliga ist erfolgreich, denn mit Pal Csernai wird Bayern zwei Mal Meister.

Das Heynckes Versprechen, Trainerflops und Mittelmäßigkeit: Anfang der 90-er Jahre durchlebt der Rekordmeister turbulente Zeiten. Zahlreiche Trainer, darunter Erich Ribbeck und Sören Lerby, versuchen sich wenig erfolgreich daran, das Team zu revitalisieren. Die Zeit nach der Entlassung von Jupp Heynckes im Oktober 1991 ist eine Zeit des Misserfolges. Die Bayern sind taktisch und vom Spielerpersonal her nicht mehr auf der Höhe des Geschehens – sowohl in Europa als auch in Deutschland. Es hagelt Niederlagen und das frühzeitige Ausscheiden aus den europäischen Wettbewerben gegen maximal mittelmäßige Gegner wird nicht die Ausnahme, sondern zeitweise normal. Für eine kurze Zeit scheint es, als ob der FC Bayern ein durchschnittlicher Bundesliga-Verein werden würde. Und besonders viel Geld haben die Münchener damals auch nicht auf dem Festgeldkonto. Die schlechteste Saison in dieser Phase ist die Spielzeit 1991/92. Am 8. Oktober 1991 muss Heynckes nach einem schwachen Saisonstart seinen Platz auf der Bank räumen. Sein 1990 auf dem Münchner Rathausbalkon gemachtes Versprechen, er werde mit den Bayern den Europapokal gewinnen, und seine damals etwas zu verbissene Art brechen ihm das Genick. Schon in der Vorsaison hat es „nur” zum Vizemeistertitel gereicht. Außerdem hat man sich im DFB-Pokal bei den Amateuren des FV Weinheim bis auf die Knochen blamiert und ist im Europapokal an Roter Stern Belgrad gescheitert. Die neue Spielzeit wird für den FC Bayern zum Super-GAU. Nach dem erneuten Pokal-Aus im eigenen Stadion gegen Zweitligist FC Homburg und einer 1:4-Heimpleite am 12. Spieltag gegen die Stuttgarter Kickers will Manager Uli Hoeneß nicht mehr an seinem Freund Heynckes festhalten. Kapitän Klaus Augenthaler hat vor der Saison seine Karriere beendet, die Leistungsträger Jürgen Kohler und Stefan Reuter sind nach Italien abgewandert. Torwart Raimond Aumann und sein Stellvertreter Sven Scheuer fallen verletzungsbedingt lange aus. Mit 36:40 Punkten schließen die Bayern die Saison mit einem miserablen Punkteschnitt auf Platz 10 ab. Bis heute hält Hoeneß die Heynckes-Entlassung für den größten Fehler seiner Manager-Laufbahn.

Bayern München 11:1 Borussia Dortmund 1971
Am 28.11.1971 schlägt Bayern München Borussia Dortmund mit 11:1. Foto: Imago Images/WEREK

Wie entlasse ich den Sir – peinlich und rührend: Beim Wettbewerb um den schlechtesten Bayern-Trainer der letzten 30 Jahre fallen immer drei Namen: Jürgen Klinsmann, Sören Lerby und Erich Ribbeck. Wie die Bayern Ribbeck absägen – peinlich und rührend zugleich. Sir Erich folgt im März 1992 auf den Fehlgriff Sören Lerby. Kurz vor ihm werden Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge als Krisenhelfer in den Verein geholt und zu Vize-Präsidenten gewählt. Erich Ribbeck spielt mit einer neu formierten Mannschaft zwar 1992/93 wieder um den Titel mit – zu mehr als dem Vizemeistertitel hinter Otto Rehhagels Werder Bremen reicht es nicht. In Erinnerung bleibt die „Sargnagel-Aussage“ Ribbecks, nicht unbedingt Deutscher Meister werden zu müssen. Als auch im zweiten Jahr seiner Amtszeit das Team nicht richtig in die Gänge kommt und in der Hinrunde schon aus DFB-Pokal und UEFA-Cup ausscheidet, treffen sich in der Winterpause die Bayern-Granden, um zu besprechen, wie man den „Sir“ stilvoll „entsorgen“ könnte. Ribbeck ist allerdings direkt nach Ende der Hinrunde in den Urlaub nach Gran Canaria geflogen. Keine gute Idee. Bei der folgenden Präsidiumssitzung setzt Grummeln ob der Trainersituation ein. Aber es gibt keine Alternative. Uli Hoeneß schlägt plötzlich Vize-Präsident Beckenbauer vor, dieser schlägt schweren Herzens ein. Der Kaiser will seinen Freund Ribbeck aber nur beerben, wenn der selbst zurücktritt. Der Legende nach fliegen kurz vor Weihnachten daraufhin zwei Vorstandsmitglieder im Privatjet nach Gran Canaria. Sir Erich bewirtet die beiden Überraschungsgäste nichtsahnend so freundlich, dass sie es nicht übers Herz bringen, ihm die Wahrheit zu sagen. Back to Munich ohne Mitteilung der Entlassung. 25.000 Mark Flugkosten sind futsch! Ob die Geschichte stimmt, ist nicht bewiesen. Belegt ist, dass Franz Beckenbauer Erich Ribbeck ablöst und zum zweiten Mal einspringt. Er holt genauso viele Punkte in der Rückrunde wie Erich Ribbeck in der Hinrunde. Aber mit der „Lichtgestalt“ als Teamchef fängt die Mannschaft Herbstmeister Eintracht Frankfurt mit dem Bayern-Provokateur Klaus Toppmöller („Bye-bye Bayern“) noch ein und wird einen Punkt vor dem 1. FC Kaiserslautern Meister. Nobel: Ribbeck bekommt die volle Meisterprämie (250.000 DM) und sein Gehalt bis 30. Juni (500.000 DM). So verabschiedet man einen Freund…

Hoeneß über die eigenen Fans – megapeinlich: Auch die Offiziellen der Bayern sind nicht ganz frei von stillosen Fehltritten. Auf der Hauptversammlung des Jahres 2007 rastet Uli Hoeneß plötzlich aus und beschimpft die eigenen Fans. Unter anderem wirft er ihnen vor, selbst für die häufig schlechte Stimmung im Stadion verantwortlich zu sein. Dazu rechnet er aus, dass nur die hohen VIP-Logen- Entgelte die billigen Eintrittspreise im Stadion möglich machen würden. Ton und Stil – peinlich. Fakten – so ganz falsch nicht.

Der Kaiser, die Bayern, die WM und die Deals mit den Scheichs: Amigo-Deals sind in Bayern nicht selten und auch dem FC Bayern nicht fremd. Im Skandal um die Vergabe der WM 2006 könnte deshalb auch der FC Bayern noch in Bedrängnis geraten. Hierbei geht es insbesondere um verdächtige Zahlungen und bizarre Freundschaftsspiele – in Malta, Thailand und Tunesien. Zwar bestreitet Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, dass der Verein im Jahr 2000 (als die WM vergeben wurde) ausgerechnet in den Ländern zu Freundschaftsspielen antritt, aus denen Mitglieder des Vorstandes beim Internationalen Fußball-Verbandes kommen, die am Ende genau über die Zuteilung des Turniers entscheiden. Und das zu Preisen, die marktunüblich sind. Maltesische Ermittler interessiert ein ganz spezieller Vertrag, der kurz vor der WM-Vergabe im Privathaus des damaligen Verbandspräsidenten Maltas, Joe Mifsud, unterschrieben wird. Der lukrative TV-Kontrakt mit der Schweizer TV-Rechte-Agentur CWL bringt dem Verband ordentlich Geld4. Es geht um die Fernsehrechte für das Freundschaftsspiel zwischen Malta und den Bayern 2001. Angeblich fließen 250.000 Dollar in die Kassen des Fußballverbandes von Malta. Hintergründe sind bisher unbekannt, der Vorwurf ist nicht bewiesen.

Und noch ein fauler Deal – diesmal mit Leo Kirch: Und der ist bewiesen. Offensichtlich sind die Bayern durchaus früher mal käuflich gewesen. Nach Recherchen des manager magazin schließen am 9. Dezember 1999 Bayern-Manager Uli Hoeneß, das Bayern-Vorstandsmitglied Karl Hopfner sowie Ex-Präsident Fritz Scherer mit den damaligen Kirch-Managern Dieter Hahn und Stefan Ziffzer einen Geheimvertrag. In dem 18-seitigen Dokument vereinbaren beide Parteien eine „exklusive Zusammenarbeit”. Danach verpflichtet sich die Kirch-Gruppe, den Bayern bis einschließlich der „Saison 2004/05“ die Differenz zwischen den Erlösen aus der zentralen Vermarktung durch den DFB und den möglichen Erlösen des FC Bayern bei einer individuellen Vermarktung der TV-Rechte zu ersetzen – eine in der Liga-Geschichte einmalige Wettbewerbsverzerrung. Mit dieser Zahlung soll sich Kirch die Zustimmung des FC Bayern für eine weitere zentrale Vermarktung der Bundesliga-Rechte erkauft haben. Bayern-Manager Hoeneß macht sich anschließend im Liga-Ausschuss zudem für die Rechtevergabe an die Kirch-Gruppe stark. Kirch sichert dem Bundesligisten in dem Geheimvertrag zu, in den ersten drei Jahren jeweils einen Ausgleich von bis zu 30 Millionen Mark zu zahlen. Von der Saison 2003/04 an wären gar bis zu 50 Millionen Mark pro Saison fällig gewesen. Tatsächlich überweist Kirch für die Spielzeiten 2000/01, 2001/02 rund 40 Millionen Mark an die Bayern, bis es zur Insolvenz der Kirch-Gruppe kommt. Noch im Sommer 1999 hat die Bayern-Vereinsführung auf eine Eigenvermarktung der TV-Rechte durch die Bundesligavereine bestanden, weil sie auf diese Weise höhere Honorare als bei einer zentralen Vermarktung durch den DFB zu erhalten hoffte5.

Franz Beckenbauer Korruptionsverdacht WM 2006
Der Kaiser unter Korruptionsverdacht. Die WM 2006 ist Gegenstand umfangreicher Ermittlungen. Foto: Imago Images/Sven Simon
Giovanni Trapattoni FC Bayern Pressekonferenz 1998 Was erlauben Strunz
Giovanni Trapattoni am 10.03.1998 – 210 Sekunden geballte Wortakrobatik und Emotionen. Foto: Imago Images/Fred Joch
Hardy Krüger Paul Breitner Potato Fritz Film
Unterwegs für die gute Sache: Hardy Krüger und Paul Breitner in „Potato Fritz“ Foto: Imago Images / United Archives
Franz Beckenbauer Brigitte Beckenbauer Flughafen München-Riem 1970
Franz Beckenbauer und seine damalige Ehefrau Brigitte Beckenbauer beim Abflug vom Flughafen München-Riem am 27.12.1970. Foto: Imago Images/WEREK
Jürgen Klinsmann Otto Rehhagel Lothar Matthäus FC Bayern 1995
Jürgen Klinsmann (L.), Otto Rehhagel (m.) und Lothar Matthäus (r.) im Jahr 1995 beim FC Bayern. Foto: Imago Images/HJS
Arjen Robben Franck Ribéry Training FC Bayern 2018
Arjen Robben und Franck Ribéry im August 2018 im Training beim FC Bayern. Foto: Imago Images/MIS

Häufige Fragen

Was kostet der FC Bayern für Trainer?

Seit 2021 hat der FC Bayern rund 60 Millionen Euro für Trainer-Ablösen und -Abfindungen ausgegeben: ~25 Mio. für Nagelsmann, Abfindungen für Tuchel, ~10,5 Mio. für Kompany.

Was war der Kirch-Geheimvertrag?

Im Dezember 1999 schlossen Bayern und die Kirch-Gruppe einen Geheimvertrag, der dem FC Bayern bis zu 50 Millionen Mark jährlich als Ausgleich für die zentrale TV-Vermarktung zusicherte — eine einmalige Wettbewerbsverzerrung.

Alle Kapitel:
Kap. 01: Prolog Kap. 02: Steckbrief Kap. 03: Good to Know Kap. 04: Für die Hater Kap. 05: Für die Lover Kap. 06: Schlüsselfiguren Kap. 07: Personae Non Gratae Kap. 08: Tragisch Kap. 09: OMG — Oh My God Kap. 10: Fun Facts Kap. 11: Special Moments Kap. 12: Weise Worte
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